Das Verschwinden der Erde

Am Ende liegt eins nahe: gleich noch einmal von vorn mit dem Lesen beginnen! Am Ende schließt sich der Jahreskreislauf: Die erzählte Zeit der Geschichte deckt genau ein Jahr ab, von August bis zum nächsten Juli. Am Ende erzählt die ältere Schwester der jüngeren vom „Verschwinden der Erde“ nach einem Vulkanausbruch: Die Bilder vom alles umspülenden Wasser und von den großen Meereslebewesen wiederholen sich. In ihrem Debutroman erhebt Julia Phillips, die 31jährige amerikanische Autorin, das perpetuum mobile des Immerwiederkehrenden zum Strukturprinzip.

Worum geht es? Im äußersten Zipfel von Russland, am finis terrae der Halbinsel Kamtschatka, in der Kleinstadt Petropawlowsk, verbringen die Schwestern Sophia (8) und Alyona (11) einen Nachmittag am Strand, während ihre Mutter arbeitet. Ein junger Mann mit gelben Igelhaaren bittet um ihre Hilfe, lädt sie ins Auto ein und entführt sie. So weit der Kriminalfall, dessen Auflösung der Roman zustrebt. Aber die bange Frage der alleinerziehenden Mutter Marina kommt erst im Juni-Kapitel, dem längsten und vorletzten des Buches, zum Tragen. All‘ ihre Ängste treten bei einem Fest zur Sommersonnenwende zutage, das den Beginn eines neuen Zyklus markiert, auch den Abschied von alten Ängsten und der Zuversicht in die Erfüllung von Wünschen symbolisiert. Die erfahrenen Leserinnen und Leser ahnen es: Ihr Sprung durch das Sonnenwendfeuer bedeutet die Erlösung von ihrer Verzweiflung.

Ganz ohne Kitsch! Das schafft die Autorin, indem sie ein Panorama von Menschen der post-UdSSR Gesellschaft zeichnet. Hier in der Kleinstadt am Ende der Welt präsentiert sich ein diverser Kosmos. Große Differenzen tun sich auf zwischen Russen, die ihren verklärten Träumen nach ehemaliger Größe nachhängen, indigenen Hirtenvölkern, die ihre Herden nach wie vor über die Tundra treiben, asiatischen Arbeitern, deren Container aus Hass Migranten gegenüber abgefackelt wird. Unterschiedlichste Berufsgruppen bekommen einen Namen und ein Gesicht: Arbeiter in einem Logistik-Unternehmen, Wissenschaftlerin, Polizisten, Rettungsarzt, Krankenschwester, Journalistin, Tourguide für Ökotouristen …

Mitglieder von vier Familien treten auf unterschiedlichsten Ebenen in Beziehung miteinander; nahezu alle haben irgendwie mit dem Fall der entführten Mädchen zu tun. Und fast alle erleiden einen dramatischen Verlust; da stürzt der Ehemann bei einem Rettungseinsatz ab, da verschwindet ein Hund, da verlässt eine junge Mutter ihren Alkoholiker-Ehemann, da trauert eine Mutter noch nach Jahren um ihre ebenfalls verschwundene und totgeglaubte Tochter Lilia. Diese Menschen verlieren alle den Boden unter den Füßen, stürzen gleichermaßen in einen Abgrund. Für sie alle ein persönliches „Verschwinden der Erde“.

Julia Phillips stellt ihren Geschichten dankenswerterweise eine geografische Karte mit den Details der Hauptschauplätze voran. Ebenso eine Übersicht mit den Hauptfiguren. Und dann sollten Leserinnen und Leser von Anfang einen Stift in der Hand halten und ebendiese Charaktere optisch markieren. Denn erst im Nachhinein stellt sich heraus, welche Beziehung für die Lösung des Falls tatsächlich wichtig war.

Den Einblick in die russische Seele, die vielbeschworene, sucht man vergeblich. Wohl aber trifft man auf psychische Deformationen, die im Zusammenspiel der Protagonisten und dem Webwerk der Einzelschicksale entscheidende Hinweise geben. Das reicht vom obsessiven Stalken der Freundin über das promiske Verhalten eines Dorfmädchens, den Fetisch Auto bis zu Sexträumen der jungen Mutter. Vor allem aber von den Wünschen nach der Sicherheit und Zufriedenheit einer Welt, die untergegangen ist. Diese Nostalgie bringt bei den Älteren Verklärung, bei den Jüngeren den unbedingten Willen des Weggehens, des Auswanderns, den unstillbaren Wunsch nach einem besseren Leben in einer anderen Welt hervor.

Beim zweiten Lesen entfaltet sich auch auf noch eindringlichere Weise die Kraft der Sprache in Phillips‘ Roman (oder ist ein Aneinderreihen von individuellen Episoden, die durch den Fall „Sophia und Alyona“ zusammengehalten werden?). Knapp, nahezu lakonisch fallen Naturbeschreibungen aus. Licht in allen Schattierungen hilft, das Geschehen besser „zu lesen“. Geräusche vermitteln bei schwindendem Licht eine andere, differenziertere Lesart. Am meisten überzeugt allerdings die Art und Weise, wie mannigfaltig die Erzählerin atmen, Atem holen, Luft holen darstellt. „Sie (Marina) wendete sich von ihm ab und schloss ihren Mund, um Luft durch die Nasenlöcher zu ziehen. Die Luft reichte nicht tief genug, um ihr Erleichterung zu verschaffen.“ Am Höhepunkt ihres Leidens heißt es: „Eure Theorien helfen mir nicht, sie hatte nicht mal genug Sauerstoff, um das zu sagen. Freunde helfen ihr zu atmen, um eine Panikattacke zu überstehen. In allen Monatskapiteln finden sich Hinweise auf Luft und Atem, auf Wind und Brise.

Julia Phillips hat 10 Jahre lang an dem Manuskript ihres Debuts gearbeitet, immer wieder Reisen nach Russland unternommen, ist eingetaucht in eine Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes von den Erfahrungen einer New Yorkerin weit entfernt ist. „Das Verschwinden der Erde erzählt von der Tragik des heutigen Russlands – und half der Amerikanerin, ihre Heimat besser zu verstehen.“*

Mein Lesetipp
Wenn möglich im Original:
Julia Phillips, Disappearing Earth, Penguin Random House 2019
Julia Phillips, Das Verschwinden der Erde, dtv 2021

*Klaus Brinkbäumer in der ZEIT vom 14. Januar 2021

Veröffentlicht von Matilda in der Oper

Große, überschäumende Gefühle, Liebe und Leidenschaft, Verrat und Rache, Tod und Teufel, Tragik und Komik, Musik, die Herz und Seele berührt und in Aufruhr bringt, Künstlerinnen und Künstler, die all ihr Können ausbreiten, Höhen und Tiefen im wahrsten Sinne des Wortes - all das bedeutet mir die Oper. Je mehr ich Einblicke und Eindrücke gewinne, umso mehr wächst meine Leidenschaft für diese Kunstform.

2 Kommentare zu „Das Verschwinden der Erde

  1. Klingt interessantem, nicht alltäglichem Lesefutter, welches ich mir in absehbarer Zeit zulegen würde, wenn ich nicht zum Einen schon so viel auf meiner ToDo-List stehen hätte und zum Anderen ein wahrer Meister der Prokrastination wäre.^^

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  2. Lieber Marcus, das kennen wir doch alle. Hier eine interessante Anregung, dort eine vielversprechende Rezension … und schon brauchst du fast ein neues Bücherregal. Bei Julia Phillips würde ich nicht drauf wetten, dass sie den Qualitätsstandard aufrecht erhält. Aber das Debut spielt in der Top-Liga.

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