Simbabwe heißt noch Rhodesien und 12 Jahre vor der Unabhängigkeit (1980) erlebt die 13-jährige Tambudzai Sigauke ihren ganz persönlichen Aufstieg aus den grässlichen Lebensverhältnissen des family homestead im Kraal. Als Ich-Erzählerin lässt sie die Leser teilhaben an diesen prägenden Erlebnissen weniger Jahre. Nahezu ungefiltert, wie es scheint, entsteht diese afrikanische Welt durch die Augen des jungen Mädchens. Dazu gehört das im besten Sinne naive Erkunden der europäisch zivilisierten Welt. Warum befinden sich auf den Straßen jenseits des Flusses weiße Streifen in der Mitte?
Nur selten schaltet sich die Erzählfigur als Erwachsene ein und bewertet die Ereignisse aus übergeordneter Sicht. Diese Sparsamkeit bewirkt eine überzeugende Authentizität des Erzählten, die ihre Kraft – wie viele andere Bildungs- und Entwicklungsromane – aus dem unverstellten Blick zieht.
Bildung als einziges Mittel, die ganze Familie aus dem Elend mit sich hochzuziehen, wird regulär nur den Söhnen und vor allem nur mit der Hilfe wohlhabender Verwandter und der Missionsschule zuteil. Tandus Onkel hat diesen Weg bereits erfolgreich beschritten, hat mit eisernem Willen, größtem Ehrgeiz und äußerster Anpassung an die britischen Gesellschaftsnormen in England einen Bachelor und sogar einen Masterabschluss an der Universität errungen. Ebenso seine Frau Maiguru, die aber daraus weder Macht noch Stellung, geschweige denn Gleichberechtigung für sich herstellen kann.
Tandus Vater, der Bruder des Clan-Oberhaupts, entpuppt sich als aggressiver Taugenichts. Die Mutter bringt unzählige namenlose Kinder zur Welt und verfällt in tatenlose Depressionen. Das homestead mit den dazugehörigen Hütten verfällt, die sanitären Anlagen erzeugen Abscheu und Ekel. Tandu hat nur einen Wunsch: diesem Alptraum von harter körperlicher Arbeit, völliger Rechtlosigkeit und tiefster Armut zu entkommen.
So trauert sie nicht, als ihr Bruder Nhamo an Mumps stirbt, sondern rechnet sich gute Chancen aus, selbst als Schülerin die Missionsschule aufgenommen zu werden. Fleißig und überangepasst teilt sie fortan im headmaster house das Zimmer mit ihrer Cousine Nyasha, die bereits einige Jahre mit den Eltern in England gelebt hat. Was Tandu am meisten irritiert: Sie kann sich kaum mit ihr verständigen. Denn während die eine noch nur wenige Brocken Englisch spricht, hat die andere das einheimische Shona, die Niger-Kongo Sprache, fast völlig abgelegt.
Die beiden Jugendlichen werden trotzdem innige Vertraute, wenn auch keine sisters in arms. Kämpferisch gebärdet sich nur Nyasha, die sich sogar eine Prügelei mit ihrem despotischen Vater liefert, um ihre Freiheiten zu erkämpfen. Wie sagte schon Henry David Thoreau? „Disobedience is the true foundation of liberty. The obedient must be slaves.“ (Ungehorsam ist der wahre Grundstein der Freiheit. Die Gehorsamen müssen Sklaven sein.) Am Ende aber zerbricht die Tochter des dicken, reichen, schwarzen, machtbewussten Schulmeisters. Sie findet keinen Ausweg aus dem Dilemma, gebildet und weiblich sein zu wollen.
Tandus Mutter schiebt alle Schuld an den Verwerfungen innerhalb der Familien und zwischen den Geschlechtern auf die englishness. Wer eben vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, kann nicht mehr die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen. Aus vielen Gegensätzen konstruiert sich der Roman. Da nimmt sich die kecke, lebenslustige Schwester der Mutter, Lucia, den Schwager und einen Cousin als Liebhaber und wird prompt schwanger. Gleichzeitig mit Tandus Mutter, die nach langer Ehe und zahllosen Schwangerschaften ausgelaugt und kraftlos im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegt. Da wird Weiblichsein als dem Männlichen unterlegen sein definiert, da steht die bittere Realität im Gegensatz zu den Romanen, die Tandu liest, die christlichen Religionen kontrastieren mit den traditionellen Naturgöttern und dem Hexenglauben. Selbstverständlich stehen auch Schwarz gegen Weiß und protestantisch gegen katholisch im Fokus.
Präzis entlarvt die Ich-Erzählerin Tandu die Machtmechanismen und mit sarkastischem Humor kolportiert sie die irrwitzigen Anstrengungen für die Reputation des Familienoberhaupts, dem alles bestimmenden Babamukuru. Er richtet seine Frau und seine Tochter nahezu zugrunde und arrangiert die zeremonielle Hochzeit ihrer Eltern (nach 19 Jahren), über die wir vom halben Ochsen bis zu den Kleidern der Brautjungfern sehr plastisch ins Bild gesetzt werden.
Tandu streckt sich zur Decke und ihr gelingt tatsächlich die Aufnahme in die Missionsschule „Sacred Heart“. Mit Bestnoten geht sie ihren (akademischen) Weg weiter. Davon legen die beiden folgenden Romane der Trilogie The Book of Not (2006) und This Mournable Body 2018 (Überleben, Übersetzt von Anette Gruber, 2021) Zeugnis ab.
„Das Persönliche politisch machen“ sei die Grundidee dieser Romanreihe, erläuterte Tsitsi Dangaremba im Oktober 2020 in einem Interview im Programm Front Row der BBC London. Von ihr als afrikanischer Autorin werde vielleicht ein patriotisches Narrativ erwartet, ein Lehrstück in Sachen Demokratie, ein Spiegel der Gesellschaft oder eine feministische Analyse innerhalb der Gender-Diskussion, die die Konflikte von Frauen untereinander einschließt. In Aufbrechen verbindet sie Schnittstellen von Freiheit und Gleichberechtigung, Moderne und Traditionen, sozio-ökonomischen Bedingungen, Aberglauben und den verheerenden Auswirkungen des Kolonialismus in Afrika.
Diese Komplexität lässt der deutsche Titel des Romans völlig außer Acht. Aufbrechen ist ein Passepartout für jeden Entwicklungsroman, das hier aber den oszillierenden Unsicherheiten der Protagonistin überhaupt nicht gerecht wird. Nervous Conditions – so der Originaltitel – hat Jean Paul Sartre im Vorwort zu Frantz Fanons Buch Die Verdammten der Erde den flirrenden Zustand der Unterdrückten und Versklavten unter der Herrschaft von Kolonialmächten genannt. Es zieht sie wie Tandu im Roman in verschiedene Richtungen, ihre Loyalitäten stehen im krassen Widerspruch zueinander.
Dangarembgas Sprache macht das Buch zu einem wunderbaren Lese-Erlebnis (vorzugsweise im englischen Original). Und obwohl die quasi-autobiografische Geschichte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts spielt und das Buch 1988 erschien als erstes je in Afrika veröffentlichtes Buch einer schwarzen Autorin, wirkt es erstaunlich aktuell. Ein Leben in selbstbestimmter Würde ist ein zutiefst menschliches Thema, an keine historische Zeit gebunden. Im Juni 2021 wurde bekanntgegeben, dass Tsitsi Dangarembga im Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Sehr verdient!
Aufbrechen. Übersetzt von Ilija Trojanow. Orlanda, Hamburg/Berlin 2019 (neuer deutscher Titel)