Wie findet man eine Stecknadel im Heuhaufen, wenn dieser selbst aus lauter Stecknadeln besteht? Hmmm … eine echte Herausforderung für die vier Hobbydetektive, die sich allwöchentlich am Donnerstagabend treffen, um Licht in ungelöste Kriminalfälle zu bringen. Als zunächst ein Bauunternehmer und dann der Investor für den Ausbau ihrer Seniorenresidenz ermordet werden, laufen die Oldies, allesamt Bewohner dieses komfortablen Altersheims, zu Höchstform auf. Ein klassischer Whodunit mit schrulligen englischen Charakteren auf Mördersuche?
Ja, und mehr als das. Vor allem ein köstliches Lesevergnügen, das uns vom wohlhabenden, lieblichen Kent bis in den Knast auf Zypern bringt. Und das so lässig und heiter, wie es vermutlich nur das britische Faible für spleenige Typen ermöglicht. Der Autor Richard Osman reiht sich mühelos in die Ahnenfolge der großen englischen Krimiautoren und -autorinnen ein. Agatha Christie und Arthur Conan Doyle lassen grüßen.
Beginnen wir mit dem Fall. Ian Ventham, ein Investor, will das Areal der einträglichen Seniorenresidenz erweitern und dazu völlig pietätlos einen Friedhof umgraben lassen. Er bootet seinen Kompagnon aus und setzt stattdessen sogleich Bogdan ein, der ihm auf den ersten Blick völlig ergeben ist. Obacht, beim zweiten Blick wechselt der die Fronten! Also dieser Ex-Partner fällt einem mysteriösen Killer zum Opfer. Wer war’s? Motiv? Gibt ein Foto auf der Anrichte den entscheidenden Hinweis?

Als der Bagger anrückt, bauen die älteren Herrschaften eine Barrikade, um das Bauvorhaben zu verhindern. Vor den Augen aller kippt der Investor um. Tot. Der Mörder unter den Anwesenden! Nun gilt es, unter allen Beteiligten den- oder diejenige zu finden, die ein so respektables Hühnchen mit dem aalglatten Baulöwen zu rupfen hatte.
Zu allem Übel hatte der loyale Bogdan aber bereits begonnen, von Hand, also mit Schaufel und Muskelkraft, ein Grab freizulegen. Hier findet sich tatsächlich auf dem morschen Sarg eine skelettierte Leiche, die dort vermutlich auch als Gewaltopfer eingebuddelt wurde.
Drei Leichen, ein übergewichtiger, leicht vertrottelter Ermittler und seine nicht immer ganz vorschriftsmäßig agierende Assistentin, ein liebenswerter Haufen alter Leute und der Spürsinn der besonders cleveren wie einfühlsamen Elizabeth bilden das Handlungsgerüst für den Roman.
Nicht minder wichtig allerdings die mehr oder weniger agilen Nebenfiguren. Trauernde Ehemänner, die auch ein bisschen Dreck am Stecken haben, ein irischer Priester, der eigentlich Arzt ist, eine Gattin im Koma, die allerdings immer wieder Referenzpunkt für die Ermittlungen ist, ein einsames Herz, das erst zum Schluss seine Romanze findet … Fein gezeichnete Figuren, die alle Mini-Facetten zur Lösung beitragen und auf jeden Fall Details der Vorgeschichte(n) verkörpern.
Bekannte Strickmuster des Verbrechens und seiner Lösung in einem geschlossenen Raum – sei es Landhaus, Schiff oder Zug. Meint man. Aber da gelingt Richard Osman ein erzählerischer Trick, der dem Ganzen einen neuen, anderen Spin verleiht. Joyce, die etwas tüddelige alte Dame, die für Bernard schwärmt und immer Kuchen backt, macht ihrem Namen alle Ehre. Freude pur! Im Zuge der Ermittlungen beginnt sie, Tagebuch zu schreiben.
Es gibt ja bei Kriminal- und Detektivgeschichten grundsätzlich zwei Perspektiven. Entweder wir als Leserinnen und Leser wissen Bescheid und erfreuen uns an all den Irrwegen, die die Ermittler gehen. Oder wir tappen mit den Profi- und Amateurdetektiven im Dunkeln und wundern uns wie sie, wie schließlich alle Fäden zusammenlaufen und in der Lösung münden.
Richard Osman wählt eine dritte Variante. Chris und Donna von der Polizei benötigen die Hilfe der Senioren-Sherlocks, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Dabei erhält der Leser längst nicht alle Details und mutmaßt wie Joyce, die sich stets ein wenig in Abschweifungen und Nebensächlichkeiten verliert, was denn nun wirklich passiert ist. Und warum. Ein feiner Spaß, durch die Augen des naiven Dummchens die Ereignisse zu verfolgen.
Elizabeth nutzt natürlich die Spezialkenntnisse ihrer Mitbewohner Ron und Ibrahim: alte Männer, die wie sie alte Seilschaften aktivieren. Gemeinsam zum Ziel, mit Grandesse kleine Zwistigkeiten überwinden, der großen Liebe noch manche Träne nachweinen, Loyalität über den Tod hinaus, die wenigen Tage, Monate, Jahre, die noch bleiben, klug zu nutzen. Das läuft als Botschaft ganz selbstverständlich mit.
Zum Schluss: kein Spoileralarm. Who did it entdecken Sie am besten selbst. Soviel aber sei verraten. Am Ende wird alles gut. Die Geldgier besiegt, Familien versöhnt, alte Geheimnisse endlich aufgedeckt. Kein Kitsch, sondern in der Banalität der Tagesabläufe im Altersheim angesiedelt. Mord aufklären nur am Donnerstagabend im Gemeinschaftsraum, so zwischen Pilates und Bridge.
Eine feine Sommerlektüre, besonders zu empfehlen im englischen Original. Richard Osman zeigt sich als Meister der bilderreichen englischen Sprache, aus der er Esprit und Sprachwitz entwickelt. Und das sagt eine, die eigentlich gar kein Krimi-Fan ist, dafür umso mehr die fabelhaften Möglichkeiten der englischen Doppeldeutigkeiten schätzt.
- Richard Osman, Der Donnerstagsmord Club
- Kriminalroman, 464 Seiten
- The Thursday Murder Club
- Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Roth
- ISBN: 9783471360149
- Erschienen: 03.05.2021
Vielen Dank für den Tipp Ich habe schon einige Bücher auf Deinen Rat hin gelesen. Tut gut! Claudia
Von meinem iPhone gesendet
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Liebe M! Na, Deine Empfehlung test ich doch, für gute Krimis bin ich ja immer zu haben! Kennst Du Louise Penne? ich habe jetzt alle 8 Bände verschlungen! Toll! Dir liebe Grüsse nach Bonn! A aus Z
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Also ich meine natürlich LOUISE PENNY…blöde Autokorrektur 🙂
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Unbedingt auf Englisch lesen, bitte.
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