Der Wal und das Ende der Welt

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Ein winziges Dorf in Cornwall, pittoresk an einer felsigen Bucht gelegen, schrullige Menschen und skurrile Ereignisse – die Grundbausteine eines Romans, wie er auch aus der Feder Rosamunde Pilchers hätte fließen können. Aber hier saß ein Autor anderen Formats an der Tastatur. Statt der verlorener-Sohn-Liebesheirat-Überraschungsmoment-Lebensweisheit-Mixtur der grande dame der Unterhaltungsliteratur erzählt John Ironmonger eine Geschichte, die zwischen einer hyperaktiven Investment Bank in der Londoner City und dem beschaulichen Dorf am Ende der Welt oszilliert. Dreh- und Angelpunkt des Plots bildet die Dystopie einer Welt, die aufgrund einer in Südostasien entstandenen Pandemie zusammenbricht. Der Raubtierkapitalismus der global player (darunter auch AstraZeneca und Pfizer Biontech) als Kontrast zur „wundersamen Speisung der Viertausend“ in einer altruistischen Utopie – so konstruiert Ironmonger seinen Roman, der sich zu lesen lohnt. Bereits 2015 erschien das Buch auf Englisch, die deutsche Übersetzung liegt seit Herbst 2020 vor.

… das Ende der Welt. Schön doppeldeutig der zweite Teil des Titels. Das Dorf St. Piran liegt ebendort, am finis terrae. Nur mit einer schmalen Dorfdurchfahrt an die Außenwelt angeschlossen und deshalb leicht abzuriegeln, wenn … ja wenn das Ende der Welt mit einem wahnsinnig aggressiven und tödlichen Grippevirus naht.

„Versage einer Gesellschaft drei aufeinanderfolgende Mahlzeiten, dann herrschen Revolution oder Anarchie.“ * Was gilt es also angesichts der tödlichen Gefahr zu tun? Vorräte anlegen, Distanz wahren. In einer Szene biblischen Ausmaßes spuckt ein gestrandeter Wal einen nackten jungen Mann an den Strand. Jona aus dem Walfischbauch lässt grüßen. Mit vereinten Kräften befördern die Dorfbewohner das gigantische Tier zurück ins Meer – unter dem entschlossenen Kommando des Städters Joe Haak. In Panik hatte er die City verlassen, weil er glaubte, einen weltweiten Börsencrash verursacht oder besser nicht verhindert zu haben.

Ein Macher also, der sich geläutert zum Ziel setzt, dem Dorf St. Piran das Überleben zu garantieren. Für sein gesamtes Vermögen (40.000 £) kauft er haltbare Lebensmittel ein und lagert sie im mittelalterlichen Turm der Dorfkirche. Mit schwachem Internet im local pub informiert er sich über Größe und Schwere der Krise, die er schließlich am eigenen Leib erfährt. Seine ehemalige Chefin spürt ihn auf und stirbt binnen 24 Stunden. Joe infiziert sich und verordnet sich selbst eine strikte Quarantäne, zusammen mit dem kauzigen Vikar. Wohlgemerkt – der Roman erschien fünf Jahre, bevor die ganze Welt im Würgegriff der heutigen Pandemie zum Stillstand kam.

Elektrizitäts- und Wasserversorgung fallen aus, Schritt für Schritt entwickelt sich das Dorf zu einer echten Dorfgemeinschaft, die in der Not zusammensteht. Schließlich kehrt der Wal zurück in die Bucht, verendet aber vor den Augen der hungrigen Menschen. Zu Weihnachten feiern nun alle (auch die Leute aus dem Nachbardorf) ein riesiges Festmahl, für das sie die Kirchenbänke verheizen und alle Vorräte aufbrauchen. It’s over!

Auch Ironmonger ist vor romantic kitsch nicht gefeit. So singt die farbige Krankenschwester ein herzergreifendes „Stille Nacht“, denn sie verfügt über eine engelsgleiche Stimme. Mit der sie allerdings auch lautstark beim Sex das ganze Dorf beschallt. Ebenso hat das ganze Dorf Joes prächtige Erektion zur Kenntnis genommen, als er ohnmächtig und halb erfroren im Sand lag. Wissenschaftliche Erklärung gleich mitgeliefert. Diese humorvollen Brüche mildern die seicht-romantischen Elemente, die recht vorhersehbar sind.

Wie’s ausgeht? Wer mit wem? Wer wohin? Wie weiter? Das tritt bei dem intelligent-unterhaltsamen Roman in den Hintergrund. Wichtiger erscheinen die langen Passagen über die Arbeit der Analysten und Dealer in einer Großbank, die Reflexionen über Bindungen, Verantwortung, Nächstenliebe, die menschliche Spezies, materielle Werte und die Bewältigung von Krisen.

In Erinnerung bleiben die charakteristisch gezeichneten Figuren, die skurrilen Eigenarten und die liebenswerte Störrigkeit der Dorfbewohner. Wer einmal in Cornwall oder im Süden von Irland die Hauptstraße verlassen hat und die Stichstraße runter ins Dorf genommen hat, erkennt den Kneipenwirt, den Fischer, den Arzt, die Lehrerin und den Pfarrer nebst Gattin wieder. Hübsches Lokalkolorit!

John Ironmonger, Not Forgetting The Whale, Weidenfeld & Nicolson, 2015
John Ironmonger, Der Wal und das Ende der Welt, S. Fischer Verlag, 2020



*Laut Autor wird dieses Zitat wahlweise Trotzky, Dumas oder einer britischen TV comedy zugeschrieben.

Veröffentlicht von Matilda in der Oper

Große, überschäumende Gefühle, Liebe und Leidenschaft, Verrat und Rache, Tod und Teufel, Tragik und Komik, Musik, die Herz und Seele berührt und in Aufruhr bringt, Künstlerinnen und Künstler, die all ihr Können ausbreiten, Höhen und Tiefen im wahrsten Sinne des Wortes - all das bedeutet mir die Oper. Je mehr ich Einblicke und Eindrücke gewinne, umso mehr wächst meine Leidenschaft für diese Kunstform.

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