Girl, Woman, Other





Wir alle haben sie noch im Ohr, die Stimme der Poetin Amanda Gorman. Mühelos schwebte sie über Satzzeichen und Absätze hinweg, um ihren Worten wie eine antike Prophetin Ausdruck zu verleihen. Jung, schön und schwarz war sie und zelebrierte ihre Verse am Rednerpult in Kanariengelb und Zinnoberrot. Mit allen Mitteln der Vortragskunst rezitierte sie zu Joe Bidens Inauguration ihr wegweisendes Gedicht, das damit auf der ganzen Welt Aufmerksamkeit erzielte. Dieser Ton, diese Klangfarbe, diese Wolken-Leichtigkeit der Sprache begleitete mich, als ich den aktuellen Roman von Bernardine Evaristo las. Auch ihre Prosa kommt wie getupft daher; weitgehend ohne Satzzeichen, mäandernd und präzis zugleich. Ein erzählerisches Novum, das ein beschwingtes Lesevergnügen verspricht – und hält!

Dabei hat die Autorin eine Agenda. Sie widmet ihr Buch den Frauen und Männern, Schwestern und Brüdern, den LGBTQI, kurz allen Mitgliedern der menschlichen Familie. Der eine oder die andere wird versucht sein, den Roman mit spitzen Fingern zurückzulegen. Es könnte eine Feministin in die Computertasten gegriffen haben, die weltverbesserungsbeseelt die Schwächen unserer westlichen Gesellschaften anprangert.

Man/frau irrt. Evaristo breitet ein berührendes Panorama von Lebensentwürfen aus. Das reicht von der erfolgreichen lesbischen Bühnenautorin, die quasi gemeinsam mit einem gut aussehenden und ebenso situierten schwulen Mann zu gleichen Teilen eine Tochter großzieht. Und von einer fast hundertjährigen Bäuerin im hintersten Yorkshire, die allein ihren Hof bewirtschaftet. Von Geschlechtsumwandlung und Transmenschen, von psychotisch-kranken Abhängigkeiten bis zum bieder-bürgerlichen Traditionspaar.

Nicht von ungefähr erzählt die anglo-nigerianische Autorin Bernardine Evaristo die Wege, also Irrungen und Wirrungen, Niederlagen und Erfolge, von den Selbstzweifeln und dem Liebesglück von 12 Frauen. Alle schwarz oder „women of colour“, stehen sie als Gegenentwurf für die wohl populärste Männergesellschaft, auf einem der wohl berühmtesten Gemälde der Welt verewigt, dem Letzten Abendmahl.

Die erste Protagonistin, die den Reigen eröffnet, heißt Amma, die Mutter. Sie trägt ihren Namen programmatisch, wohl auch nach der aktuellen indischen Friedensbotschafterin Amma Mata Amritanandamayi, die die Bewegung Embracing The World gründete. Eine Mutter Theresa der heutigen Tage.

Die fiktive Amma begleitet nicht nur ihre eigene Tochter in ein unkonventionelles, freies, weil selbstbestimmtes Leben, sondern trägt auch ein frauenbewegtes Theaterstück in sich: The Last Amazon of Dahomey. Frau muss nachschlagen. An der afrikanischen Westküste existierte das Königreich Dahomey, das seine militärische Schlagkraft tatsächlich mit Frauenheeren verstärkte. Wie gesagt – Frau Evaristo hat ein Anliegen, das sie nicht verhehlt.

Anlässlich der Premiere dieses Bühnenstücks treffen sich nun alle Frauenfiguren des Romans in London, alte Fäden werden wieder aufgenommen und weitergesponnen oder für immer ad acta gelegt. Es herrscht ein heiter-ironischer Ton unter den grundverschiedenen Frauen mit ihren weit auseinanderliegenden Biografien. Hier zeigt sich die große inhaltliche Stärke des Romans. Die Autorin unterlässt es konsequent, zu eifern, zu urteilen, zu bewerten. Sie bricht die Monoperspektive eines militanten Feminismus auf und begeistert stattdessen ihre Leserschaft mit präzisen Beobachtungen, farbenreicher Sprache und einem großen Universum an gelebtem Leben. Evaristo verwöhnt uns mit ihrem Witz im besten Sinne, mit Esprit, mit Toleranz und Weitsicht.

Dabei stellt sie auch schmunzelnd das aktuelle Comeback des expliziten Feminismus infrage. „it’s really fashionable to be a feminist these days: blog, demos, crowdfunder-campaign, I can’t stand it“ (ich kann es nicht ertragen) legt sie einer Freundin in den Mund. Amma aber zeigt sich zutiefst berührt vom Aktivismus, „der sich wie ein Flächenbrand ausbreitet und bewirkt, dass Millionen Frauen sich für die Möglichkeit begeistern, unsere Welt in Besitz zu nehmen wie vollwertige Menschen.“ – Und wer wollte darüber streiten?“

So weit, so klar? Mitnichten! Evaristo hat noch einen Pfeil im Köcher, den sie im Epilog abschießt. Der Reigen schließt sich mit Penelope. Wie die Gattin des Helden von Troja, dem König von Ithaka, hat sie sich 10 Jahre lang behauptet und längst ihre Unabhängigkeit erlangt. Aber nun kehrt das lebende Cliché zurück in ihr Leben, der knight in shining armour, der Ritter in der glänzenden Rüstung. Erfüllt von der heterosexuellen, traditionellen Liebe widmet sie sich ganz ihm, hört sich ihm zuliebe das Gejaule in der Oper an, ihm zuliebe überlegt sie, ihr Schamhaar zu färben (!), ihm zuliebe lässt sie sich auf extrem konservative Standpunkte ein – weil sie sich eine harmonische Partnerschaft mehr als alles andere wünscht. Ihr Name sagt alles. Dieses Modell „Penelope“ gehört in das Reich der Mythologie und bildet einen karikierenden Anachronismus.

Wann betrachtet sie – augenzwinkernd – das Projekt Feminismus als erfolgreich? Wenn es gelingt, aus history herstory zu machen! Mit vollem Recht wurde Bernardine Evaristo mit dem britischen Booker Prize 2019 für diesen, ihren sechsten Roman, ausgezeichnet. Er entpuppte sich als einer dieser fesselnden pageturner, die frau am Ende zunehmend langsamer liest, weil die wenigen verbleibenden Seiten immer kostbarer erscheinen.

Mein Frühlingslesetipp, auch wenn der deutsche Titel Mädchen, Frau, etc. dem Girl, Woman, other einiges schuldig bleibt.

Girl, Woman, Other, Penguin 2019
Mädchen, Frau, etc., Klett-Cotta 2019

Veröffentlicht von Matilda in der Oper

Große, überschäumende Gefühle, Liebe und Leidenschaft, Verrat und Rache, Tod und Teufel, Tragik und Komik, Musik, die Herz und Seele berührt und in Aufruhr bringt, Künstlerinnen und Künstler, die all ihr Können ausbreiten, Höhen und Tiefen im wahrsten Sinne des Wortes - all das bedeutet mir die Oper. Je mehr ich Einblicke und Eindrücke gewinne, umso mehr wächst meine Leidenschaft für diese Kunstform.

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